CO2-Sequestrierung: Die Zukunft beginnt jetzt

Industrie greift CO2-Abscheidung und Speicherung auf / Parlamentarische Anfrage von Daniel Caspary zeigt Potential der neuen Techniken auf

Industrie greift CO2-Abscheidung und Speicherung auf / Parlamentarische Anfrage von Daniel Caspary zeigt Potential der neuen Techniken auf

“Was vor wenigen Jahren noch nach ferner Zukunftsmusik klang, rückt jetzt in greifbare Nähe”, freute sich EU-Energiekommissar Andris Piebalgs Anfang März bei seinem Besuch im Europäischen Parlament. „Seit Jahren reden und diskutieren wir über die Chancen und Möglichkeiten der CO2-Sequestrierung und in diesen Tagen können wir sehen, dass die Industrie das Thema aufgreift und konkrete Projekte angeht“, erklärte der Lette vor dem Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Eine schriftliche Anfrage des Europaabgeordneten Daniel Caspary hatte zuvor gezeigt, welches Potential die Europäische Kommission der Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoffdioxid zugesteht: „Wenn die Erwartungen eintreffen, die sich mit dieser neuartigen Methode verbinden, könnte dies einen wichtigen Beitrag zur Begrenzung der CO2-Emissionen aus mit Kohle oder anderen fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerken darstellen“, so Caspary in Brüssel.

Der Anlass für die aktuelle Freude des obersten Energiebeauftragten der Europäischen Union war die nur Tage zuvor erfolgte Ankündigung von Shell und Statoil, die Kohlenstoffdioxid-Emissionen aus einem neu zu bauenden Gaskraftwerk für die Förderung von Öl auf hoher See einsetzen. Der niederländische Energiemulti und der ehemals staatliche Ölkonzern aus Norwegen wollen sich bei diesem Projekt zusammentun und von 2010 oder spätestens 2012 an fast den gesamten CO2-Ausstoss vom westnorwegischen Tjeldberggodden zu den Öl- bzw. Gasfeldern Draugen und Heidrun transportieren. Dort soll das als Treibhausgas für die Erdatmosphäre schädliche Kohlenstoffdioxid in den Untergrund gepumpt werden und für eine effektivere Gewinnung der dort lagernden Energiestoffe sorgen. Auch das Energieunternehmen BP hat ähnliche Projekte für Peterhead, Schottland und in Carson, USA angekündigt. Dort soll, südlich von Los Angeles, in Zusammenarbeit mit der Edison Mission Group (EMG) ein Kraftwerk mit einer Kapazität von 500 Megawatt entstehen, das 90 Prozent des entstehenden Kohlenstoffdioxids abscheidet und speichert.

Das von Shell und Statoil verfolgte Projekt wäre das erste dieser Art mit einer vollständig geschlossenen CO2-Kette und eines, das – wenn es nach der Europäischen Kommission geht – durchaus Schule machen könnte: In ihrer Antwort auf die Parlamentarische Anfrage von Daniel Caspary (E-0075/06) hatte sie darauf hingewiesen, mit welchem Nachdruck die EU die Forschung an dieser neuen Technik unterstützt: Vor 1998 förderte die Gemeinschaft im Rahmen des Fünften Rahmenprogramms eine geringe Zahl konzeptioneller Projekte mit insgesamt 16 Millionen Euro. Im Sechsten Rahmenprogramm wurden für die CO2-Abscheidung und Speicherung rund 70 Millionen Euro für etwa 10 Projekte bereitgestellt. Sie wird außerdem ein wichtiges Thema im Siebten Rahmenprogramm sein und zählt zu den neun vorrangigen Themen für die Forschung im Energiebereich.

Bei der CO2-Sequestrierung wird Kohlenstoffdioxid aus den Emissionen der fossilen Brennstoffe abgetrennt, um es der Atmosphäre zu entziehen und es anschließend endzulagern. Als dauerhafter Speicher werden Hohlräume in tieferen Gesteinsschichten (Kohleflöze oder Aquifer) sowie die ozeanische Speicherung diskutiert. Im Falle der Lagerung in geologische Formationen wie Erdöl- oder Erdgaslagerstätten bewirkt das eingepumpte Kohlenstoffdioxid einen leichteren Abbau der dortigen fossilen Energieträger. In den USA und Kanada ist das Verfahren als carbon capture oder auch carbon capture and storage bekannt und wird seit einer Reihe von Jahren für eine verbesserte Ölausbeute verwendet.

Neben diesen Produktionsvorteilen stellt der Treibhauseffekt den wesentlichen Anstoß für die Sequestrierung dar: Der Ausstoß von CO2 durch die Nutzung fossiler Brennstoffe in der Industrie und im Verkehr gilt als entscheidende Ursache für die globale Erwärmung. Bei einer Realisierung der Pläne von Shell und Statoil könnten pro Jahr 2 bis 2,5 Millionen Tonnen CO2 unter den Meeresgrund gepumpt und so für die Atmosphäre unschädlich gemacht werden. Das würde dem Ausstoß von einer Millionen Personenwagen entsprechen. Mit dem Kyoto-Protokoll haben sich die Vertragsstaaten zur Verminderung ihrer CO2-Emissionen aus dem Jahr 1990 um mindestens fünf Prozent bis 2012 verpflichtet. Tatsächlich steigen die Ausstöße aber insgesamt deutlich an.

Das vom Energiekonzern Vattenfall koordinierte ENCAP-Projekt (Enhanced Capture of CO2) stellt mit einem EU-Förderbeitrag von 10,7 Mio. Euro und 33 Partnern das größte EU-Geförderte Projekt auf diesem Gebiet dar. Mit einer Förderung von 8,7 Mio Euro und 8,5 Mio Euro folgen die Projekte CO2SINK (In-situ laboratory for capture and sequestration of CO2) und CASTOR (CO2 from capture to storage). Fördermittel von der EU erhalten des Weiteren das Projekt CO2GEONET und das von der Universität Stuttgart koordinierte ISCC-Projekt mit 6 bzw. 1,9 Mio. Euro. Die Kommission nimmt ferner an einer Reihe internationaler Kooperationsforen und -projekte wie beispielsweise dem von den USA initiierten „Carbon Sequestration Leadership Forum“ teil.

Die Kosten für die CO2-Abscheidung und Speicherung sind laut Auskunft der Europäischen Kommission sehr unterschiedlich, da bislang kaum praktische Erfahrungen vorliegen. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht des International Panel on Climate Change (IPCC) werden je nach Art des Kraftwerks, des Ortes, der geologischen Speichermedien und abhängig davon, ob die Speicherung mit einer verbesserten Ölausbeute kombiniert ist, pro vermiedene Tonne CO2 Kosten von 0–270 US$ veranschlagt. Die Internationale Energieagentur IEA schätzt die Kosten auf 50 bis 100 US$ pro Tonne. Das ehrgeizige Ziel des EU-Programms ist die Senkung der Abspeicherungskosten auf unter € 20 pro Tonne CO2.

Derzeit befasst sich eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Mitgliedstaaten und Interessengruppen mit dem Potential wie den Risiken, den wirtschaftlichen Aspekten und ordnungspolitischen Hemmnissen der CO2-Abscheidung und Speicherung. Die Arbeitsgruppe wird ihren Abschlussbericht im Mai 2006 vorlegen. Unter Berücksichtigung dieses Berichts wird die Kommission Ende 2006 eine Mitteilung zur Kohlendioxidabscheidung und unterirdischen Speicherung vorlegen.